[ˈmʊʁksn̩]

murksen: intransitiv; unfähig oder schlampig vorgehen, insbesondere bei der Arbeit, so dass nichts oder nichts Rechtes zuwege gebracht wird oder doch nicht in annehmbarer Zeit

Genug, um ein neues Leben aufzubauen; genug, um das alte nicht loszuwerden. Und jetzt sitzt man Jahrzehnte später wieder beisammen, die 4te Klasse Volksschule Großkirchheim, Jahrgang 1994/1995 – dieselben Gestalten, dieselben Blicke, aber ganz unterschiedliche Geschichten.

Manche sind geblieben. Sie haben das Mölltal kaum verlassen, nicht weil sie es nicht gekonnt hätten, sondern weil sich die Frage nie wirklich gestellt hat. Haus, Hof, vielleicht die Feuerwehr und ein fixer Job in einem Betrieb, den es schon immer gab. Das Leben mag überschaubar sein, doch diese Routine bietet eine ungeahnte Sicherheit, und man weiß zumindest, wo man am nächsten Morgen aufwacht.

Andere wiederum sind in die Ferne hinausgezogen. Wien, Salzburg, Italien, Australien. Wahrscheinlich weil man irgendwann dachte, es müsse mehr geben als den verschneiten Glocknerblick und die Dorfdisco im Nachbarort. Zurück kommen sie mit interessanten Geschichten, neuen Dialekten und Erzählungen von Karrieren. Und trotzdem sitzen sie nach ein paar (auch alkoholfreien) Bier wieder da, reden im Dialekt und klingen, als wären sie nie weggewesen. Es zieht einen eben dorthin zurück, wo die Schultasche noch deutlich zu groß und das Lineal noch ungebrochen war.

So ein Treffen ist ein merkwürdig ehrlicher Spiegel. Dreißig Jahre später sind manche Klassenclowns immer noch unterhaltsam, während einige der Ruhigen von damals plötzlich die interessantesten Wege eingeschlagen haben. Selbst jene, die man komplett aus den Augen verloren hatte, obwohl sie nur ums Eck wohnen, bringen ihre eigenen Geschichten voller Höhen und Tiefen mit ein. Ja, aus jedem ist etwas geworden – manchmal kommen dazu auch zwanzig Kilo mehr, drei Kinder und eine Sammlung grauer Haare, wenn man denn überhaupt noch welche besitzt.

Die Zeit ist gnadenlos: Während die Erinnerungen an das Skifahren am Mitteldorflift oder das Kratzeln mit Filzstiften noch frisch wirken, grinsen einem jetzt Gesichter entgegen, die die Jahre nicht ignorieren konnten. Lachfalten, Geheimratsecken, Bäuche, müde Augen.

Und dann gibt es die kleinen Wendungen des Lebens: Der einstige Kandidat auf ein aufregendes Leben sitzt heute möglicherweise mit gelangweiltem Blick da, während der unscheinbare Sitznachbar von damals mit faszinierenden Geschichten aus der Fremde glänzt. Manche haben alles erreicht, was das Drehbuch des Lebens zu bieten hat: Grund, Haus, Familie, einen aufregenden Job.

Andere quellen über vor Erinnerungen und Stempeln im Reisepass. Dann aber stellt man fest, dass uns trotz aller Unterschiede etwas eint: Jeder von damals hat auf seine Weise etwas aus sich gemacht und langweilig dürfte es im Leben von niemandem geworden sein.

Und so sitzt man gemeinsam in der Wirtshausstube in Sagritz, nippt am Bier, Aperol oder weißen Spritzer und lacht gemeinsam über dieselben alten Geschichten von damals.

Was mir jedoch auffiel war eine bemerkenswerte Abwesenheit von Zynismus. Dieser bitter-ironische Blick auf die Welt, den ich so offen vor mir hertrage, schien an diesem Abend ausschließlich von mir zu kommen. Das enttäuscht mich dann doch etwas, denn ich war eigentlich immer davon ausgegangen, dass die Keimzelle für diese Haltung in unserer Schulzeit liegt – denn einfach war es für andere damals auch nicht – die pädagogischen Methoden vor allem in der dritten und vierten Klasse äußerst fragwürdig und heute Gründe für fristlose Entlassungen, Untersuchungskommissionen und Haftstrafen.

Ich sah mich schon damals als den sensiblen, schwarzhumorigen Sonderling und die Vorstellung, dass ich damit möglicherweise der Einzige war, ist doch auch ernüchternd. Aber dann es ist wohl das Leben selbst, der Übeltäter, die Erfahrungen, die Achterbahnfahrten, die bei anderen für die Falten im Gesicht gesorgt, bei mir vor allem Falten und Narben in der Seele [sic!] hinterlassen haben.

Am Ende passt alles aber in ein einfaches Bild: Dort, wo wir 1995 noch an den kleinen Holztischen saßen, hat das Leben in dreißig Jahren alle an die Hand genommen und den einen oder anderen ordentlich durchgeschüttelt; jeden auf seine Weise. Die Einzige, die von alle dem unbeeindruckt blieb, ist die Zeit.

Und schön ist es dann doch viele ehemalige SchulkameradInnen nach der langen Zeit wieder einmal zu sehen. Bleibt zu hoffen, dass bis zum nächsten Mal nicht erneut 30 Jahre vergehen – die Statistik ist ein Hund – mit 70 Jahren wird die Runde kleiner werden. In 5 Jahren, so habe ich das mal vorgeschlagen, mögen wir nochmal alle zusammenkommen, da mag uns das Leben noch gut in die Hände spielen.

Ein Danke an alle jene, die das Treffen organisiert haben.


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