Ich kann LinkedIn nicht mehr sehen. Verlogen war es schon immer – voller falscher Versprechungen, Boomer-Motivationals und Menschen, die allen Ernstes glauben, ein Sonnenaufgang plus „Erfolg kommt nicht von 9 bis 5″ sei eine Erkenntnis und kein Hilfeschrei.
Aber es ist schlimmer geworden. Die Heuchelei schreibt sich inzwischen selbst.
Seit es KI gibt, quillt die Plattform über mit Emoji bekotzten Listen 🚀✨, die alle gleich klingen – weil sie aus demselben Prompt stammen. 5 Learnings, die mein Leben verändert haben, getippt in elf Sekunden, gelesen in keiner. Daneben halbgar gepromptete Bilder mit Spruch drüber, beklatscht als so originell! und inspirierend!, während die Person auf dem Bild sechs Finger an einer Hand hat. Eine Maschine produziert Schein, eine zweite klatscht. Und dazwischen sitzt jemand und hält das für Networking.
Mittendrin ein Chef, der online ein anderer Mensch ist als im Büro. Auf der Plattform redet er von Vertrauen, von Augenhöhe, davon, dass seine Leute Familie sind, die wichtigste Ressource des Unternehmens – und dazu auch unersetzlich – eine Formulierung, die schon deshalb verräterisch ist, weil niemand seine Familie als Ressource bezeichnet. Heizöl ist eine Ressource. Menschen, die man schätzt, nicht.
Online: „Gebt euren Leuten Luft zum Atmen. Vertrauen schlägt Kontrolle.“ Offline: drei genehmigungspflichtige Felder, bevor du dir einen Tag Urlaub nehmen kannst – genehmigt mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Dann die Benefits. Auf LinkedIn: Sabbaticals, Mental-Health-Days, Obstkörbe, die ein barmherziger Gott persönlich gesegnet haben muss. In der Realität: eine Kaffeemaschine, die seit dem Frühjahr ein Geräusch macht, das niemand mehr untersucht, und stilles Wasser – nicht aus Sorge um die Hydration, sondern weil Mineralwasser teurer ist und die Leute zu sehr aufdreht.
Höhepunkt: der Geschäftsführer einer Agentur, der das Fehlen von Kameras auf den Toiletten als Vertrauensbeweis verkauft. Als Geste. Als wäre es ein Akt großmütiger Liberalität, dass man nicht mitzählt wie oft ein Mitarbeiter die Toilette aufsucht. Das ist kein Benefit. Das ist das Bodenniveau menschlicher Würde, festgehalten mit einem Lächeln, das sagen will: Seht her, wie modern wir sind.

Das Bitterste: Ich komme nicht weg. LinkedIn ist die einzige Plattform für berufliches „stay in touch“, und löschen will man sich nicht – man könnte es ja noch brauchen. Den alten Kollegen, den Recruiter, das Netzwerk, das man seit Jahren nicht angesprochen hat und trotzdem hortet wie Konserven für den Ernstfall. Also bleibt man. Scrollt. Verdreht die Augen. Und ist Teil genau der Reichweite, über die sich die Leute freuen, die man verachtet.
Vielleicht ist das die ehrlichste Erkenntnis, die LinkedIn mir je geschenkt hat: Wer ständig betont, wie sehr er seinen Mitarbeitern vertraut, sagt vor allem, dass er genau weiß, dass sie ihm zu Recht nicht vertrauen.
Aber das passt auf kein Sonnenaufgang-Motivational. Zu lang. Zu wahr. Zu bitter! Xing ist ja leider keine Alternative. Und ein Mastodon für berufliche Connections wird es wahrscheinlich nie geb.




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