Die Mafia und das iranische Sägemehl

Österreichs Pellets gelten traditionell als regionale, krisensichere Alternative zu Öl und Gas. Ein Vergleich der Energiepreise seit 2022 zeigt jedoch, dass der Pelletpreis von rund 300 auf fast 650 Euro pro Tonne stieg – eine stärkere Schwankung als bei Strom oder Heizöl.
Der Preisanstieg erklärt sich durch den globalen Rohstoffhandel: Trotz ausreichender heimischer Produktion reagierten Pelletpreise auf internationale Lieferausfälle und Hamsterkäufe. Das Narrativ vom stabilen Regionalbrennstoff wird ist irreführend, während Strom langfristig die stabilste Preisentwicklung zeigt.
Es gibt diese Geschichte, die man sich in Österreich seit Jahrzehnten erzählt: Pellets sind regional, krisensicher und günstig. Heimische Sägewerke, kurze Wege, keine superreichen Scheichs, keine Gasleitung aus dem Osten. Wer mit Holz heizt, sitzt im Trockenen. So das Versprechen. Und dank nachwachsender Rohstoffe auch noch ökologisch – gut, das ist sowieso ein anderes Thema.
Ich habe mir aus Interesse die Preise der letzten Jahre gezogen – Pellets, Heizöl, Strom, sauber monatlich – und mir mit Claude ein Diagramm erstellen lassen. Und die Zahlen ruinieren die schöne Geschichte ziemlich gründlich. Die Zahlen zeigen auch, dass die immer noch gescholtene Wärmepumpe auch in Zukunft erste Wahl sein sollte.
Der stabile Brennstoff, der sich verdoppelt
2022 ist der Pelletpreis in Österreich von rund 300 auf fast 650 Euro pro Tonne gestiegen. Nicht plus zehn Prozent. Mehr als verdoppelt. Die berühmte Einlagerungsaktion im Frühjahr, mit der man traditionell fünf bis zehn Prozent spart? Die fiel einfach aus. Der Ofen, der uns unabhängig machen sollte, hing plötzlich am selben Tropf wie alles andere.
Zum Vergleich der angeblich böse, teure, unberechenbare Strom: Der Haushaltspreis lag 2019 bei rund 20 Cent pro Kilowattstunde und in der Spitze 2023 bei knapp 29, mit vereinzelten Ausreißern nach oben, die sich ein paar Wochen hielten, aber gemittelt waren es 29 Cent . Ein Anstieg, klar – von weiten betrachtet, aber ein sanfter Hügel neben der Pellets-Achterbahn. Ja, ein Teil der Ruhe war die Strompreisbremse, die zwei Jahre lang gedämpft hat. Trotzdem: Selbst ohne Rechentricks war Strom über Jahre die langweiligste Linie im Diagramm. Und Langeweile ist bei Energiepreisen das größte Kompliment, das man vergeben kann.
Die Mafia ist die Erzählung
Jetzt zur Mafia. Ich mein damit keine Kartelle im Hinterzimmer – da gilt die Unschuldsvermutung – ich meine die gemütliche Erzählung selbst. Das Narrativ, dass regional automatisch stabil heißt. Das ist das eigentliche Märchen.
Denn Österreich hat 2024 rund 1,8 Millionen Tonnen Pellets produziert, gebraucht haben wir etwa 1,5. Wir könnten uns locker selbst versorgen. Der Preis ist trotzdem explodiert – weil Pellets ein global gehandelter Rohstoff sind. Fällt der Import aus Russland und der Ukraine weg, steigen die Exporte, wird die heimische Ware knapp. Und der Rest war, um die Branche selbst zu zitieren, ein psychologischer Effekt: verunsicherte Leute haben mehr bestellt als nötig, gleich bei drei Lieferanten, sicher ist sicher. Nachfrage rauf, Angebot runter, Preis Richtung Mond. Ein Bank Run, nur mit Sägespänen.
Das ist das Gegenteil von krisensicher. Das ist krisenempfindlich mit Holzfurnier.
Und heuer sind dann die Pellets aus dem Iran schuld
Das Beste kommt zum Schluss, der Teil mit der Ironie. Heizöl hat im Frühjahr 2026 wieder eine Rally hingelegt, rauf auf über 1,80 Euro pro Liter. Grund diesmal: der Krieg im Iran. 2022 war es die Ukraine, jetzt Teheran. Jede Preisspitze bekommt ihren Krieg als Beipackzettel.
Ich bin gespannt auf die Aussendung, dass aufgrund der angespannten geopolitischen Lage im Iran auch die Pellets knapp werden. Iranisches Sägemehl, verstehen’S, kriegsbedingt schwer zu bekommen, Lieferengpässe am Persischen Golf. Dabei wächst der Rohstoff im Wald hinterm Haus. Aber wenn eine Ausrede einmal funktioniert, nimmt man sie halt für alles her – egal ob sie zur Lieferkette passt oder nicht.
Fazit
Pellets sind nicht böse, prinzipiell nachhaltig, grundsätzlich regional verfügbar, ökologisch bestenfalls schwierig, und niemand muss deswegen die Heizung rausreißen. Aber der Marketing-Sager vom regionalen, krisensicheren Wunderbrennstoff muss entsorgt werden. Die Daten sagen etwas ganz anderes: Pellets schwanken heftiger als der Strom, den alle verteufeln. Wer Stabilität will, braucht keine schöne Geschichte übers Sägewerk ums Eck – er braucht einen Blick auf die Preisreihe. Und die ist erstaunlich unromantisch. Es ist eine Branche mit Ablaufdatum, das letzte Aufbäumen, die Nachfrage wird langsfristig sinken, die gesetzlichen Vorgaben zur CO2 und Feinstaubminderung werden die Anlagen selbst technisch weiter verteuern, auch das wird viele zur kompakteren und eifnacheren Wärmepumpe locken.
Der nächste Heizungsinstallateur, der mir mit krisensicher kommt, bekommt einen Chart um die Ohren.
Monatliche Durchschnittspreise dreier Energieträger von der Energiekrise 2022 bis heute. Das obere Diagramm indexiert alle auf einen gemeinsamen Startpunkt (= 100); darunter wird die Strom-Ebene aufgedröselt: geglätteter Endkundenpreis gegen den echten Spotmarkt.
| Monat | Pellets | Heizöl | Strom Endk. | Strom Spot | Pellets Idx* |
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Datenquellen
- PelletsproPellets Austria — Pelletpreisindex PPI 06Monatlich seit 2006, >50 Händler (>70 % der Menge). Lose Pellets ENplus A1, 6 t. €/t aus dem Index, verankert am Juni-2026-Preis (39,73 ct/kg). propellets.at
- HeizölHeizöl extraleicht, Monatsbeginn€/Liter, 3.000 l frei Haus inkl. MwSt., auf Basis wöchentlicher EU-Preismeldung. wissenswertes.at · HeizOel24
- Strom Endk.Haushalts-Gesamtpreis (Eurostat + E-Control)Jahresdurchschnitt inkl. Netz, Steuern & Abgaben. Eurostat nrg_pc_204 & E-Control Preismonitor.
- Strom SpotEPEX Day-Ahead Baseload, Preiszone ATMonatsmittel aus Stundenwerten (ab Okt 2025 15-Min), ct/kWh = €/MWh ÷ 10. Quelle energy-charts.info (Fraunhofer ISE) / ENTSO-E & EPEX SPOT.
Methodik & Lesehilfe
- Indexierung: Jede Reihe wird auf ihren eigenen Startmonat = 100 normiert, das zeigt die prozentuale Abweichung vom Start und macht die Einheiten vergleichbar.
- Endkunde vs. Spot: Der Spot ist der Rohpreis an der Börse, der Endkundenpreis das, was tatsächlich auf der Rechnung steht. Die Differenz sind Netz, Abgaben und die Trägheit der Versorgerverträge.
- Ausreißer: Spot-Hoch Aug 2022 (49,4 ct/kWh) und Spot-Tief Apr 2024 (5,9 ct/kWh) im vollen Verlauf sichtbar; der Endkunde folgt gedämpft und verzögert.
- Genauigkeit: Endkundenpreise streuen je Anbieter/Bundesland breit (~23–42 ct/kWh); abgebildet ist der Marktdurchschnitt, kein Einzeltarif.